Eros und Sexualität
Ein Jahrhundert des Zwangs, der Kontrolle und der Emanzipation
Die neue Ausstellung im Zentrum für Stadtgeschichte konzentriert sich auf die Frage von "Eros und Sexualität" in Ostmitteleuropa während des "langen" 20. Jahrhunderts. Das Projekt enstandt in einer Kooperation junger HistorikerInnen und DesignerInnen aus der Ukraine und dem Ausland und versucht, einen neuen Blick auf einen zentralen, bis jetzt allerdings weitgehend ignorierten Aspekt menschlicher Geschichte zu werfen. Erstes Ziel der Ausstellung ist es, Fragen aufzuwerfen, latente und einflussreiche Bilder, Ideen und Motive aufzuzeigen sowie einen Raum für Debatten zu bieten.
In den meisten Kulturen wurden Liebe und Sexualität in Gottheiten personifiziert und mit der Fruchtbarkeit des Landes sowie mit dem beständigen Wechsel menschlichen Lebens assoziert. Das spezifisch europäische Verhältnis zur Sexualität entstand auf den Grundlagen der griechisch-römischen Antike, des Judentums und des Christentums.
Das natürliche Phänomen der menschlichen Sexualität wurde in verschiedenen Kulturen unterschiedlich definiert und war historischem Wandel unterworfen. In traditionellen Gesellschaften war Sexualität ein strikt reguliertes Anliegen: (Geschlechter-)Rollen, sexuelle Orientierung und (Gender-)Identität galten als universell und unantastbar - bis zur allmählichen Auflösung dieser Gewissheiten.
Seit dem Beginn der Moderne im 18. Jahrhundert war Europa Ort gewaltiger Veränderungen im Feld der Sexualität. Und obwohl dieser Prozess weder einfach, konstant noch vollständig genannt werden kann, hat er fundamentale Veränderungen bewirkt. Im frühen 20. Jahrhunderts entwickelten sich die Städte Europas zu Zentren der Innovation und der Emanzipation. Gleichzeitig wurde sie aber auch zu Zentren von Konflikt und Ungewissheit - in den Sphären der Politik, der Wissenschaft und der Künste wie auch in der Sphäre der Sexualität. Wien, die Hauptstadt des mitteleuropäischen Imperiums, war ein paradigmatischer Ort dieser Experimente und Veränderungen, aber auch Hort des Konservatismus und Schauplatz von Skandalen.
Die erlaubten und öffentlich praktizierten Verhaltensmuster, Geschlechterrollen und Gender-Identitäten am Ende des 20. Jahrhunderts sind grundlegend andere als jene, die ein Jahrhundert zuvor als statthaft galten. Und obwohl das 20. Jahrhundert ein Vermächtnis der Gewalt und des Terrors politischer Regime hinterließ, das stets auch die Intimssphären ihrer Subjekte und Opfer bestimmte und in jene eingriff, waren Emanzipation und Liberalisierung die bestimmenden Prozesse der weiteren Entwicklung. Die wichtigsten und charakteristischsten Manifestationen dieser Prozesse waren Kämpfe für sexuelle Rechte als Bestandteil der unentbehrlichen Grundrechte und damit die Betonung von Gleichheit, Nicht-Diskriminierung und Würde aller Menschen. Hinzu kommt die Ausdifferenzierung verschiedener (Kampf)-Felder um sexuelle Gesundheit, Geschlechtergleichheit, Rechte der Reproduktion und der Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung.
Menschliche sexuelle Rechte umfassen für alle, unabhängig von der sexuellen Ausrichtung oder anderen Unterschieden, dass sich Sex, Partnerschaft und Ehe immer auf gegenseitiger Zustimmung gründen, Entscheidungsfreiheit, ob und wann sexuell aktiv zu sein, die freie Wahl der Partner, Entscheidungsfreiheit, ob und wann Kinder zu haben, den allgemeinen Zugang zu den Leistungen des Gesundheitswesens, Informationen und Bildung über Sexualität, die Achtung der körperlichen Integrität und die Möglichkeit auf ein sicheres Leben voller sexueller Befriedigung und Freude.
Obwohl der Prozess der Institutionalisierung menschlicher sexueller Rechte einen bedeutenden Fortschritt darstellt, zeigt er gleichzeitig, wie viel noch zu tun ist. Um nur zwei Probleme anzusprechen: Laut Human Rights Watch ist "Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen trotz der tatsächlichen Errungenschaften der internationalen Frauenbewegung eine globale gesellschaftliche Plage". Gleichzeitig ist Homosexualität in 80 Ländern noch immer strafbar, in fünf davon sogar mit der Todesstrafe. Der internationale Frauenhandel ist ein weiteres drängendes Problem, besonders virulent und gefährlich für Frauen aus postsowjetischen Ländern - und ein weiteres Thema der Ausstellung.
Fragen können Sie gerne an Bohdan Shumylovych, den Kurator des Projekts, richten: b.shumylovych@lvivcenter.org,
Tel. (+380 32) 2751734.
